Extraschicht nach Schulende - Das Geschäft mit der Nachhilfe
Rund 1,5 Milliarden Euro geben Eltern für die Extraschicht nach Schulende aus. Wer Nachhilfe nimmt, hat nicht immer schlechte Noten. Wer sie gibt, benötigt pädagogisches Geschick.
Von Andreas Groth
Die Unterrichtsatmosphäre ist entspannt. Auf einen Rüffel wartet man vergebens. Und doch versprüht Elisabeth Hellenbroich ein wenig die Aura der strengen Oberstudienrätin: Sie spricht mit fester Stimme, trägt eine roséfarbene Weste und eine schwarzrandige Brille, der rote Feinmarker liegt locker in der Hand. Ihr Nachhilfeschüler Julius ist über sein Heft gebeugt. Der 14 Jahre alte Gymnasiast versucht sich an einer Inhaltsangabe. „Kick it like Beckham“ hat seine Klasse am Vormittag angeschaut. Er wirkt konzentriert, will seine Sache gut machen. Hin und wieder blickt er seine Nachhilfelehrerin an und fragt nach: „Was heißt streiten? Was heißt aufhören?“ Sie antwortet auf Englisch.
Schließlich ist das die Verkehrssprache während der Stunde - darauf hat man sich verständigt. Ein paar Minuten später geht es ans Vorlesen: „The mother don’t want . . .“ „Doesn’t want . . .“, korrigiert Elisabeth Hellenbroich ihren Schützling. „Always think at third person’s singular ,s’.“ Kaum ein Satz dürfte Englisch-Nachhilfelehrern in Deutschland häufiger über die Lippen gehen.
Wie Julius ergeht es vielen Schülern. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2010 nehmen in Deutschland jährlich knapp 1,1 Millionen Schüler Nachhilfe in Anspruch. Im Alter von 17 Jahren hat etwa jeder vierte Jugendliche schon einmal bezahlte Nachhilfe genommen. Bis zu 1,5 Milliarden Euro im Jahr geben Eltern für den Unterricht in Instituten und von Privatlehrern insgesamt aus.
Elisabeth Hellenbroich arbeitet für das Mobile Nachhilfestudio, einen Franchisegeber, der in Mittel- und Süddeutschland seine Filialen hat. Jeden Donnerstag fährt sie mit ihrem kleinen italienischen Auto zu Julius in einen idyllischen Weinort in Rheinhessen. Das macht sie nun seit einem Jahr. Lediglich in den Schulferien ruht auch die Nachhilfe. Das Mobile Nachhilfestudio schickt seine freien Mitarbeiter zu den Schülern nach Hause. „Unterricht in einer gewohnten Umgebung der Kinder“, heißt es auf der Internetseite des Studios.
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